Leseprobe: die ersten 3 Seiten
Hamburg war nicht mehr die Stadt aus den alten Bildern, die manchmal noch auf flackernden Werbetafeln auftauchten. Kein glitzerndes Blau auf der Alster, kein geschäftiges Gedränge an den Landungsbrücken, kein heller Strom aus Autos, Fahrrädern und Stimmen. Das Wasser war in viele Straßen zurückgekehrt, als hätte es beschlossen, sich zu holen, was ihm einmal gehört hatte. Zwischen den Fassaden hingen Kabel wie müde Lianen. Schilder quietschten im Wind. Drohnen flogen nur noch selten, und wenn doch, dann so tief, als würden auch sie dem Himmel nicht mehr trauen.
Am Jungfernstieg spiegelte sich das graue Licht in breiten Pfützen, die Ölfilme trugen und das Zittern kaputter Reklamen verzerrten. Die meisten Menschen liefen hier nicht freiwillig entlang. Zu leer, zu offen, zu viele tote Winkel. Aber Vladyslav kannte die Regeln dieser Stadt besser als viele Erwachsene. Nicht die auf alten Verkehrsschildern. Die neuen, unsichtbaren Regeln. Immer erst hören, dann gehen. Niemals auf Metallgitter treten, wenn darunter Wasser steht. Ruinen nicht trauen, auch wenn sie still aussehen. Und vor allem: bloß nichts Riskantes tun, wenn es auch einen Umweg gab.
Er zog den Reißverschluss seiner Jacke höher und blieb unter dem Vordach eines halb zerstörten Eingangs stehen. Von dort aus konnte er auf die Alster blicken, die dunkler wirkte als normal, fast schwer. Ein Windstoß strich über das Wasser und fuhr ihm kalt in den Nacken.
