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Die letzte Laterne von London

Ab 18 Jahren · Fantasy · 82 Seiten · Illustriert & vertont

In London war die Nacht nicht länger die Abwesenheit des Tages. Sie war ein Gesetz. Jeden Abend um achtzehn Uhr erloschen die weißen Kontrolllampen über …

Leseprobe: die ersten 3 Seiten

In London war die Nacht nicht länger die Abwesenheit des Tages. Sie war ein Gesetz.

Jeden Abend um achtzehn Uhr erloschen die weißen Kontrolllampen über den Straßen. Eine Minute später begann der künstliche Nebel aus den Schächten der Untergrundbahn zu quellen. Er legte sich zwischen die Häuser, kroch über Brücken und Plätze und verschluckte selbst die höchsten Türme. Dann erklang aus den Lautsprechern die ruhige Stimme der Kanzlerin.

„Dunkelheit schützt. Ordnung bewahrt. Erinnerung gehorcht.“

Idris hielt nichts von diesem Satz. Doch mit achtzehn hatte er gelernt, dass man in London auch ohne Zustimmung überleben konnte, solange man wusste, wann man den Kopf senken musste.

Er war gut darin, Dinge zu bemerken, die andere übersahen: den kurzen Stillstand einer Überwachungskamera, ehe sie nach links schwenkte; das kaum hörbare Summen einer Drohne hinter einer Mauer; den Unterschied zwischen echtem Themse-Nebel und dem metallisch riechenden Dunst der Regierung. An diesem Abend half ihm all das, ungesehen durch eine schmale Gasse nahe King’s Cross zu gelangen.

Unter seinem Mantel trug er eine Tüte mit zwei Kartoffeln, einer Dose Bohnen und einem kleinen Stück Seife. Nicht viel, aber genug, um drei Tage durchzuhalten. Er hätte längst in seinem Schlafquartier sein müssen. Die Sirenen zur Ausgangssperre hatten bereits zweimal geheult.

Idris überquerte den verlassenen Vorplatz von King’s Cross. Hinter den verriegelten Glastüren des Bahnhofs lagen dunkle Gleise. Seit die Kanzlerin die Fernzüge eingestellt hatte, wirkte die gewölbte Halle wie das Gerippe eines gestrandeten Tieres. Nur die große Uhr lief weiter. Niemand wusste, für wen.

Wie geht es weiter?

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