Leseprobe: die ersten 3 Seiten
Als der Zug an der Station Sihlwald hielt, klebten noch Regentropfen an den Fenstern. Mina sprang auf den Bahnsteig und atmete tief ein. Die Luft roch nach nasser Erde, Moos und Blättern. Über den Baumwipfeln hing heller Dunst, und irgendwo rauschte die Sihl.
Mina war acht Jahre alt und mochte den Wald besonders gern. Dort musste sie nie erklären, warum sie manchmal mitten im Gehen stehen blieb und lauschte. Die meisten Menschen hörten nur Vogelrufe, Rascheln und Quaken. Mina hörte Wörter.
Sie konnte mit Tieren sprechen.
Schon als sie kleiner gewesen war, hatte sie verstanden, dass eine Amsel vor einer Katze warnte oder eine Schnecke über trockene Wege schimpfte. Mina erzählte nicht vielen Menschen davon. Manche hätten ihr vielleicht nicht geglaubt. Andere hätten so viele Fragen gestellt, dass die Tiere längst davongehuscht wären.
Ihre Eltern wollten sich zunächst im Besucherzentrum des Wildnisparks Zürich umsehen. Mina durfte währenddessen den nahen markierten Weg entlanggehen. Sie versprach, auf dem Weg zu bleiben und rechtzeitig zurückzukommen.
Kaum hatte sie den Waldrand erreicht, sauste etwas Rötliches an einem Baumstamm hinab. Ein Eichhörnchen landete vor ihr, rutschte über eine feuchte Wurzel und fing sich im letzten Moment.
„Endlich!“, rief es. „Ein Mensch, der nicht nur Ohren hat, sondern sie auch benutzt!“
